Freitag der18.November 2005

Es ist ca. 16:00 Uhr und tranken gerade Kaffee. Susi telefonierte mit ihrer „Freundin“ und fragte, ob sie sich mit ihr noch treffen könne.Sie meinte noch, dass sie eigentlich keine richtige Lust hatte. Obwohl wir von dieser Freundin, welche auch eine Klassenkameradin ist, nicht begeistert sind, willigten wir ein. Susi machte sich noch die heiss geliebte Scheibe Brot mit Nutella und verschwand im Bad um sich hübsch zu machen. Was sie aber gar nicht nötig hatte. Als sie wieder runter kam fragten wir noch, ob das reiche, was sie an hatte, da es schon ziemlich kühl war. Doch Susi zeigte uns ihren vielen Schichten ; T-Shirt, schwarzer langer Pulli, schwarze Strickjacke, braune Flecejacke und ihre weisse Kordjacke. Dazu hatte sie ihre alten aber geliebten Jeans und die uralten rot-weissen Turnschuhe an. Schluesel und Fahrkarte kamen in die Hosentasche, Handy, Lippenbalsam und Taschentuecher kamen in die Jacke, was uns eigentlich gar nicht gefiel. Ich erinnerte Susi, dass sie 22:00 Uhr zu hause sein soll und dass wir am naechsten Tag in die Stadt wollten um eine neue Winterjacke zu kaufen. Sie sagte froehlich „Tschuess“, gab mir einen Schmatz und war zur Tuer raus. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Ihre hellblauen Hausschuhe stehen auch heute nach 5 Jahren immer noch an der selben Stelle.

Es ist ca. 21:45 Uhr, mein Handy klingelte und Susi war dran. Sie fragte ob sie noch bis halb 22:30 Uhr bleiben dürfe. Im Hintergrund hörte ich die „Freundin“ auf noch spaeter draengen. Susi war ganz normal und ruhig. Da sie immer zuverlaessig war, erlaubte ich ihr bis 22:30 Uhr zu bleiben. Aber keinesfalls laenger. Das war der groesste Fehler, welchen ich je gemacht habe. Susi sagte „ok“ und legte auf.

Susis Papi ist ins Bett, da er morgens sehr frueh zum Dienst musste. Ich wollte aber noch warten.

Als Susi 23:00 Uhr immer noch nicht da war, wurde ich langsam sauer und versuchte sie anzurufen. Doch sie ging nicht ans Handy. Ich versuchte es immer wieder und sendete eine Nachricht nach der anderen. Aber nichts kam zurueck. Ich weiss nicht, wie lange und oft ich es versucht habe. Wir wussten, dass sie ihr Telefon meist lautlos hatte. Einmal musste sie doch drauf schauen und zurückrufen. Dann versuchte ich ihre „Freundin“ anzurufen. Aber da antwortete nur die Mailbox.

Als Susi Mitternacht noch nicht da war, ahnte ich, dass etwas passiert sein musste, verdraengte es aber immer wieder. Vielleicht ist sie bei Freunden und uebernachtet dort. Jedoch das haette sie nicht getan, ohne mich vorher zu fragen. Sie hat sowieso ungern wo anders uebernachtet.

Ich weckte Susis Papi, der sowieso nicht schlafen konnte, und wir machten uns per Auto auf die Suche. Alle moeglichen Stellen fuhren wir ab und schauten uns jedes Grueppchen von Jugendlichen an, fragten sogar die Bereitschaftspolizei welche in der Naehe im Einsatz war. Wir sollten mit der Vermisstenanzeige aber bis zum Morgen warten, da „Die in der Regel bis dahin wieder auftauchen“. Wir wollten aber nicht warten und fuhren weiter zu Susis „Freundin“ und klingelten Sturm. Niemand oeffnete. Die Nachbarn schauten schon aus dem Fenster. Das Auto der Mutter war auch nirgends zu sehen. Spaeter sagte man uns, dass die Klingel in den hinteren Raeumen nicht zu hoeren, waere. Da wir nicht mehr wussten, wo wir noch suchen sollten, fuhren wir nach hause.

 

Sonnabend der 19. November 2005

Nachdem ich Susis Papi zum Dienst gefahren hatte (damit ich das Auto zu hause hab, falls ich sie holen sollte),rief ich gegen 8:00 Uhr bei der Polizei an. Ich wusste nicht, welche Stelle fuer unseren Stadtteil zuständig war und meldete mich bei der falschen Stelle. Sie nahmen aber die Vermisstenanzeige auf, um sie weiterzuleiten. Wieder sollte ich warten. Mir war schon ganz übel vor Angst. Immer wieder versuchten wir Susi zu erreichen. Noch einmal versuchte ich die „Freundin“ anzurufen. Sie ging ans Telefon. Auf meine Frage, ob sie wuesste wo Susi sei, antwortete sie stotternd, dass sie sich 23:00 Uhr getrennt haetten und Susi wahrscheinlich noch mit zu einem „Kumpel“ gegangen waere.

Wir versuchten immer noch Susi zu erreichen. Ich stand am Kuechen fenster und sah einen Notarzt- und Krankenwagen vorbeifahren. Mir wurde heiß und kalt. Claudi (Susis große Schwester) merkte das und sagte nur so sinngemaess. „ Was soll das mit Susi zu tun haben“

Dann rief Susis Papi an. Die Polizei haetten Susis Handy und Susi gefunden und kommen gleich vorbei. Auf seine Frage, ob etwas Schlimmes passiert sei, antwortete man ihm. So schlimm sei es nicht. Es muesste nur noch etwas geklaert werden. Mir viel ein Fels vom Herzen.

Eine ganze Weile spaeter hielt ein Polizeiwagen vor unserer Tuer. Susi war aber nicht mit dabei. Zwei Polizisten und eine Frau, welche man mir als Frau Jonas vom Kriseninterventionsteam vorstellte, kamen zu mir. Ein Polizist hielt mir Susis Hose, triefend nass, und ihr Handy vor die Nase und fragte, ob das meiner Tochter gehoere. Dem konnte ich leider nur zustimmen. Sie berichteten mir, dass man Susi ca 100 m von unserem zu hause entfernt in einem Bach liegend gefunden habe. Sie wurde reanimiert und sehr stark unterkuehlt in die Uniklinik gebracht. Es saehe aber nicht gut aus. Mir blieb der Atem stehen. Frau Jonas bot uns (Claudi und mir)an, uns in die Klinik zu fahren. Ich sollte keinesfalls selber fahren. Nachdem ich Susis Unterlagen zusammengesucht habe, rief ich noch Susi Papi an um ihn ueber alles was ich wusste zu informieren und dann fuhren wir in die Klinik. Auf der Intensivstation angekommen wurden wir von einer Aerztin und Krankenschwester in deren Aufenthaltsraum gefuehrt. Dort teilte man uns sehr einfuehlsam mit, dass unsere Susi es nicht geschafft hat und an den Folgen des hohen Alkoholgehaltes und der starken Unterkuehlung verstorben sei. Da brach alles zusammen. Wir wollten sie nur noch sehen. Das konnte doch gar nicht sein. Im Zimmer lag sie da, als ob sie schlief. Ich hatte nur das Beduerfnis sie zu streicheln und zu waermen. Sie hatte doch Gaensehaut. Ich hab sie immer nur gestreichelt. Wie lange weiss ich nicht. Claudi gab Susi noch einen Kuss und verliess gehalten von einer Schwester das Zimmer. Irgendwie hab ich meine Eltern und meine Schwaegerin noch informiert.

Susis Papi hat sich vom Dienst abloesen lassen und ist gleich in die Klinik gekommen. Nur hatte man ihm (auch in der Klinik nicht) nicht mitgeteilt, dass unsere Susi nicht mehr lebt.Er dachte Susi liegt im Koma. Das keines der Geraete um sie herum funktionierte merkte er erst, als ich ihn mehr oder weniger an schrie „Susi kommt nicht mehr nach hause“. Wir sollten uns so viel Zeit nehmen, wie wir brauchen, um uns von unserer Kleinen zu verabschieden. Aber wir wollten uns doch gar nicht verabschieden. Wir wollten sie doch mit nach hause nehmen. Sie sollte danach in die Gerichtsmedizin, da die Presse druck machte, (die Worte der Aerztin). Irgendwie war alles leer und wir fuhren nach hause, ohne unsere Susi.

Wie es zu dieser Alkoholvergiftung kam, Wie Susi an diese Stelle kam und warum ihre „Freunde“ sie im Stich gelassen haben will bis heute keiner der 14 Beteiligten sagen. Wir hatten mittlerweile Akteneinsicht und wissen auch wer an diesem Abend beteiligt war.

Von den Kriminalbeamten und auch von Klassenkameraden haben wir nur erfahren, dass Susi ueberall sehr beliebt war und dass die „Freundin“uns und andere belogen hat. Eine Aussprache von uns erbeten und ueber die Anwaeltin gefordert hat dies „Freundin“ und deren Eltern abgelehnt.